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„langsames diesseits. vier monologe“

Ein Film von Siegfried Ressel und Hannes Richter

Annäherungen und Reflexionen zum Film

 

Es beginnt mit einer leeren Fläche. Betritt man das Gelände der KZ Gedenkstätte Buchenwald durch das Haupttor stößt man auf Leere. Auf eine leicht abschüssige Ebene, die mit nichts außer Schotter bedeckt ist. In der Ferne ist bei guter Sicht der bläuliche Südharz zu sehen und im Mittelgrund ein Windpark, der auf einen ökologisch werterhaltenden Alltag schließen lässt. Hier jedoch, auf dem Appellplatz von Buchenwald, ist nichts alltäglich. Hier war nie etwas „alltäglich“ im Sinne eines selbstbestimmten, vorzugsweise gemütlichen Lauf des Lebens, denn zwischen 1938 und 1945 herrschten hier Mord und Totschlag der NS Vernichtungspolitik.

Diese leere Fläche ist eine Provokation. Keine freundliche Einladung. Kein Willkommen, nirgendwo. Sie war/ist unser gedanklicher Ausgangspunkt von mittlerweile 3 Filmen und einem Rundfunkfeature. Alle diese Arbeiten drehen sich um die heutige, also scharfkantig gegenwärtige Frage nach der Darstellbarkeit, Vermittelbarkeit des nationalsozialistischen Terrors gegen Andersdenkende, Andersseiende, Widerständler, Menschen anderer Nationalitäten, Sinti, Roma und Juden; der Terror mündete in Vernichtung, für beides –Terror und Vernichtung – schuf man innert kürzester Zeit Verbrechensorte, die Konzentrationslager, für die man schnell eine verwaltungstechnische Abkürzung fand: „KL“; später verselbstständigt zu „KZ“.

Die Leere als fremdes Land, als offenes Territorium, als schroffe Verschotterung. Als KZ-Gedenkstätte. Als Wahrnehmung.

Leere, die als Leere nach dem Zivilisationsbruch kommen muss. Wie der Knall nach dem Durchbrechen der Schallmauer.

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Alexander Bytschok 26. August 1925 bis 27. März 2021

Wir erlebten Alexander zum ersten Mal 2015 zum 70. Jubiläum der Befreiung von Buchenwald. Wie ein Irrwisch (Alexander war klein und schmal) bahnte er sich durch Gruppen flanierender Teilnehmer der gerade zu Ende gegangenen Gedenkfeier auf dem Appellplatz des Lagergeländes seinen Weg zum Schotterfeld, das den Grundriss seines ehemaligen Blocks darstellt, und umarmte heftig und lange den Granitstein mit der Nummer 45, der den Block markiert. „Mein“ Block“. „Mein Block“, wimmerte Alexander während dieser seltsamen Umarmung; Pressefotografen und Kameraleute lichteten dankbar diese spektakuläre Szene ab, zumal er auch noch die grau-blau gestreifte Häftlingskleidung trug. Das Ganze war, ich kann es nicht anders sagen: schräg. Es passte absolut nicht zu der naturgemäßen Getragenheit und Seriosität dieser jährlich im April stattfindenden Feier. Ja, es hatte etwas Verstörendes, eine Narretei, die man von offizieller Seite tolerierte, weil ehemalige Häftlinge selbstverständlich ihre persönliche Form des Gedenkens auf dem Ettersberg ausleben dürfen.

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Wer war Wieslaw Kielar?

Projekt: Wer war Wieslaw Kielar?

In den vergangenen 5 Jahren habe ich mich als Autor und Filmemacher intensiv mit dem NS-Herrschafts- und Unterdrückungssystem beschäftigt, insbesondere mit der Funktion der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Es entstand eine TV Dokumentation für 3sat: „Buchenwald. Nächste Generation“, ein Kinofilm: „Der Mensch ist ein schöner Gedanke. Volkhard Knigge und Buchenwald“, sowie zwei Rundfunkfeature für Deutschlandfunk Kultur: „Was bleibt? Die Literatur von Schriftstellern mit Holocausterfahrung“ und „Sind die Landschaften schön. Buchenwald oder die Suche nach der Authentizität eines historischen Ortes“.

Während dieser Arbeiten habe ich naturgemäß unzählige Texte, Schriften, Interviews, Filmmaterial u.ä. gesichtet und gelesen. Mir fiel dabei eine Leerstelle auf: Bereits 1979 erschien bei S. Fischer der 400 S. lange autobiographische Text „Anus Mundi. Fünf Jahre Auschwitz“ des polnischen Schriftstellers Wislaw Kielar. Einige Jahre nach der Erstauflage wurde der Titel als Taschenbuch in die sog. legendäre „Schwarze Reihe“ des Verlages integriert. Er ist bis heute lieferbar. Jedoch so gut wie unbekannt, und das ist ein Phänomen und obendrein ein wirkliches Versäumnis, denn Kielar erlebte als polnischer politischer Häftling mit der Nr. 759 die Hölle von Auschwitz von Anbeginn an (1940) bis zur Evakuierung des Lagers Anfang Januar 1945. Er wurde dann in verschiedene deutsche Lager „evakuiert“ und überlebte knapp. Aus diesem Erfahrungsbereich heraus konnte Kielar das Alltagsleben in Auschwitz (er war im Stammlager sowie in Birkenau), bestehend aus Überleben oder Sterben, so genau und detailliert wie kaum kein anderer beschreiben. Der lakonische Tatsachenbericht beschreibt vielerlei Facetten von dem, was im Lager geschah; er berichtet von der alltäglichen Unterdrückung, vom Widerstand, von der Ausbildung der Häftlingshierarchien, der Grausamkeit und zugleich Korrumpierbarkeit der SS, von den moralischen Dilemmas, denen altgediente, erfahrene Häftlinge ausgesetzt waren. Der Text ist ungemein lesbar. Er reiht sich mit seiner narrativen Stärke auf der Ebene der Werke von Primo Levi und Imre Kertész ein.

Noch weniger als sein Text ist Kielar als Autor bekannt. In Deutschland erschien kein weiteres Buch von ihm (er schrieb zusammen 3 autobiographische Werke) Zu Person des Autors und der Genese des Buches erfährt man wenig. Fakt ist, er war hauptberuflich Kameramann und verstarb 1989.

Insofern habe ich jetzt beschlossen, über Kielar und die Genese des Buches umfänglich zu recherchieren und ein Manuskript zu erarbeiten. Dieses Manuskript soll als Grundlage für mehrere Auswertungsformate dienen: zum einen erklärt sich S. Fischer auf Grundlage meiner Arbeiten grundsätzlich bereit, eine erweiterte Nachauflage mit einem Nachwort von mir zu editieren, zum anderen werde ich aus dem Stoff ein Rundfunkfeature ausarbeiten, sowie ein Exposé als Basis, um den Stoff als Dokumentation bei den Redaktionen von Arte bzw. 3sat zu pitchen. Herausgearbeitet werden wird, wer Kielar war, weshalb er ins Lager kam, wie er dort überlebte, was er nach der Befreiung tat, wie er im Nachkriegspolen lebte. Seine Arbeit als Kameramann und als Autor. Wer könnte als Protagonist etwas über ihn und den Text sagen? Mitghäftlinge? Verwandte? Freunde? Lektor? Verleger? Welche Spuren von ihm findet man in der Gedenkstätte Auschwitz? Wie war die Wirkung des Buches in Polen, später in Deutschland? Wie kam das Buch in die „Schwarze Reihe“, hierzu Gespräche mit dem Historiker Walter H. Pehle. Welche Dokumente findet man in den Archiven? Es entsteht ein Manuskript welches die Rechercheergebnissen zu Person und Werk mit einer Auswahl von Textstücken aus „Anus Mundi“ miteinander verwebt.

Ich halte den Stoff aus mehreren Gründen für wichtig: gut 75 Jahre nach Befreiung des Lagers nimmt naturgemäß die Anzahl der Zeitzeugen deutlich ab. Man wird also in Zukunft mehr denn je auf schriftliche, bildnerische, dokumentarische usw. Schilderungen angewiesen sein. Der Text von Kielar ist hier ganz besonders weil er authentisch, unpathetisch und -wie gesagt- lesbar, also nachvollziehbar ist: er beschreibt „wie es wirklich wahr“. Und dies als polnischer Autor in einer ganz und gar universalen Art und Weise genau wie der Italiener Levi oder der Ungar Kertész. Insofern geht der Text uns in Deutschland dringlich etwas an.

 

3sat KuZeit-Serie:
„Was macht eigentlich…?“

Dreh im Lyrikkabinett München  mit Ursula Häusgen und Holger Pils. Am Licht Kameramann Felix Greif.

Jenseits des Rampenlichts beginnen die Mühen der Ebenen im sog. „Kulturbetrieb“. Die meisten KulturarbeiterInnen schaffen hier, im Schatten der Scheinwerfer und ohne Applaus. Es sind Jobs in tristen Büro`s, mit Überstunden ohne Ende und meistens prekärem Einkommen. Und das Publikum weiss nichtmal, was „die“ so machen…

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Der Spiegel vs. Volkhard Knigge

Volkhard Knigge im April 2019 in Buchenwald / (c) Siegfried Ressel

Unglaublich: aus Faktenfragmenten, Andeutungen, Mutmaßungen, angeblichen Statements, die zum Teil Jahre zurückliegen, zimmert der Spiegel Autor Dr. Felix Bohr ein verheerendes Portrait über einen Menschen, der seit fast 25 Jahren als die personifizierte Integrität eines der schwierigsten historischen Orte der jüngsten deutschen Geschichte gilt: gemeint ist Volkhard Knigge, Stiftungsdirektor der Gedenkstätten Buchenwald und Dora Mittelbau; gemeint ist der Spiegel Artikel von Herrn Dr. Felix Bohr vom 04. 10. 2019.

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„Mythos Suhrkamp“. Begegnungen.

„Mythos Suhrkamp“ / 2x 37 Minuten, Farbe, 16:9 / Ein Film von Siegfried Ressel / Buch und Regie Siegfried Ressel / Buch Corinna Belz / Schnitt Emma Gräf / Kamera Christoph Rohrscheidt, Siegfried Ressel, Hannes Richter, Leif Karpe und Johannes Kröger / Ton Hannes Richter / Graphik Toby Cornisch / Tonmischung /Lorenz Fischer / Transkript Julia Gerberich / Sprecher Martin Engler, Barbara Kowa / Redaktion 3sat Bettina von Pfeil / Redaktionsassistenz 3sat Astrid Wiesner, Martin Wachter / eine Koproduktion der a+r film mit ZDF und 3sat / (c) 2019
Erstausstrahlung:
jeweils 19:20 Uhr am 31. August und am 07. September 2019 auf 3sat.

https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/190831-deutschedebatten-suhrkamp-102.html

https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/190831-deutschedebatten-suhrkamp2-100.html

– Begegnungen. Hans Magnus Enzensberger (in München), Martin Walser (in Wasserburg) und Peter Bichsel (in Bellach, Schweiz). Das Betreten von Werkräumen, Schaffensräumen. Museale Stätten und Lebensräume zugleich. Sie betreten zu dürfen, das sind Geschenke. Hier wird noch geschrieben bei lebendigem Leibe. Freundlichkeiten, Wärme. Die Zeiten von Verdruß sind längst vorüber. Unsterblichkeit macht gangsicher. Keine Inanspruchnahme von Altersweisheit (ein ungelöster Fahrschein, der beim Schlüsselbund liegt). Unten das Münchener Verkehrsrauschen, draußen die graue Fläche des Bodensees vor Wasserburg. Ein Haus vor Seelandschaft. Zurückgesetzt mit großen Fenstern. Walsers Blick hinaus ins Freie. Enzensberger schaut hinunter. Kocht Kaffee. „Wollt`s Ihr einen?“ Bichsels Verwunschenheit in der Seitenstraße bei klarem Sommerwetter im Januar. Gastfreundschaft als Zeichen von Souveränität und Selbstbestimmung. Mit Bichsel als Gegenüber am Tisch Nachdenken über Unseld, eine Passage, die leider im Film nicht unterkam: Humor war nicht seine Stärke. Wenn man in einer Gesellschaft saß, wo gelacht wurde, wo Witze erzählt wurden; er konnte gar nichts anfangen mit Witzen, aber dann hat er diese Eigenschaft, was Gehörlose ab und zu haben in einer Gesellschaft: wenn gelacht wurde, war er nicht sicher, ob über ihn gelacht wird. Und da konnte er sehr sehr hilflos sein. Er kannte das nicht, dass lachen über jemanden auch Zuneigung sein kann.“

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Zitat

„Ich erlebe jetzt etwas und weiß nicht, was es ist. Und das bringt mich zum Schweigen. Und dazu, rasch gelangweilt zu sein von allem anderen. Aber was ist das für ein Erleben? (…) Es ist nicht nichts, es ist nicht Leere; und die Hoffnung besteht, daß dies manchmal einen Ausdruck findet.“

Max Frisch. Interview mit Jodi Daynard 1989 / Die Paris Review Interviews