Kategorie: NS Herrschaft

Wer war Wieslaw Kieler

Projekt: Wer war Wislaw Kielar?

In den vergangenen 5 Jahren habe ich mich als Autor und Filmemacher intensiv mit dem NS-Herrschafts- und Unterdrückungssystem beschäftigt, insbesondere mit der Funktion der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Es entstand eine TV Dokumentation für 3sat: „Buchenwald. Nächste Generation“, ein Kinofilm: „Der Mensch ist ein schöner Gedanke. Volkhard Knigge und Buchenwald“, sowie zwei Rundfunkfeature für Deutschlandfunk Kultur: „Was bleibt? Die Literatur von Schriftstellern mit Holocausterfahrung“ und „Sind die Landschaften schön. Buchenwald oder die Suche nach der Authentizität eines historischen Ortes“.

Während dieser Arbeiten habe ich naturgemäß unzählige Texte, Schriften, Interviews, Filmmaterial u.ä. gesichtet und gelesen. Mir fiel dabei eine Leerstelle auf: Bereits 1979 erschien bei S. Fischer der 400 S. lange autobiographische Text „Anus Mundi. Fünf Jahre Auschwitz“ des polnischen Schriftstellers Wislaw Kielar. Einige Jahre nach der Erstauflage wurde der Titel als Taschenbuch in die sog. legendäre „Schwarze Reihe“ des Verlages integriert. Er ist bis heute lieferbar. Jedoch so gut wie unbekannt, und das ist ein Phänomen und obendrein ein wirkliches Versäumnis, denn Kielar erlebte als polnischer politischer Häftling mit der Nr. 759 die Hölle von Auschwitz von Anbeginn an (1940) bis zur Evakuierung des Lagers Anfang Januar 1945. Er wurde dann in verschiedene deutsche Lager „evakuiert“ und überlebte knapp. Aus diesem Erfahrungsbereich heraus konnte Kielar das Alltagsleben in Auschwitz (er war im Stammlager sowie in Birkenau), bestehend aus Überleben oder Sterben, so genau und detailliert wie kaum kein anderer beschreiben. Der lakonische Tatsachenbericht beschreibt vielerlei Facetten von dem, was im Lager geschah; er berichtet von der alltäglichen Unterdrückung, vom Widerstand, von der Ausbildung der Häftlingshierarchien, der Grausamkeit und zugleich Korrumpierbarkeit der SS, von den moralischen Dilemmas, denen altgediente, erfahrene Häftlinge ausgesetzt waren. Der Text ist ungemein lesbar. Er reiht sich mit seiner narrativen Stärke auf der Ebene der Werke von Primo Levi und Imre Kertész ein.

Noch weniger als sein Text ist Kielar als Autor bekannt. In Deutschland erschien kein weiteres Buch von ihm (er schrieb zusammen 3 autobiographische Werke) Zu Person des Autors und der Genese des Buches erfährt man wenig. Fakt ist, er war hauptberuflich Kameramann und verstarb 1989.

Insofern habe ich jetzt beschlossen, über Kielar und die Genese des Buches umfänglich zu recherchieren und ein Manuskript zu erarbeiten. Dieses Manuskript soll als Grundlage für mehrere Auswertungsformate dienen: zum einen erklärt sich S. Fischer auf Grundlage meiner Arbeiten grundsätzlich bereit, eine erweiterte Nachauflage mit einem Nachwort von mir zu editieren, zum anderen werde ich aus dem Stoff ein Rundfunkfeature ausarbeiten, sowie ein Exposé als Basis, um den Stoff als Dokumentation bei den Redaktionen von Arte bzw. 3sat zu pitchen. Herausgearbeitet werden wird, wer Kielar war, weshalb er ins Lager kam, wie er dort überlebte, was er nach der Befreiung tat, wie er im Nachkriegspolen lebte. Seine Arbeit als Kameramann und als Autor. Wer könnte als Protagonist etwas über ihn und den Text sagen? Mitghäftlinge? Verwandte? Freunde? Lektor? Verleger? Welche Spuren von ihm findet man in der Gedenkstätte Auschwitz? Wie war die Wirkung des Buches in Polen, später in Deutschland? Wie kam das Buch in die „Schwarze Reihe“, hierzu Gespräche mit dem Historiker Walter H. Pehle. Welche Dokumente findet man in den Archiven? Es entsteht ein Manuskript welches die Rechercheergebnissen zu Person und Werk mit einer Auswahl von Textstücken aus „Anus Mundi“ miteinander verwebt.

Ich halte den Stoff aus mehreren Gründen für wichtig: gut 75 Jahre nach Befreiung des Lagers nimmt naturgemäß die Anzahl der Zeitzeugen deutlich ab. Man wird also in Zukunft mehr denn je auf schriftliche, bildnerische, dokumentarische usw. Schilderungen angewiesen sein. Der Text von Kielar ist hier ganz besonders weil er authentisch, unpathetisch und -wie gesagt- lesbar, also nachvollziehbar ist: er beschreibt „wie es wirklich wahr“. Und dies als polnischer Autor in einer ganz und gar universalen Art und Weise genau wie der Italiener Levi oder der Ungar Kertész. Insofern geht der Text uns in Deutschland dringlich etwas an.